vom 08.06.2021

Tor zur Finsternis

Brücke über die A3 zeigt, wie die Nazis dachten

Siegburg. Großeinsatz von Rettungsdienst, Feuerwehr und Polizei am frühen Samstagmorgen auf der A3. Höhe Bad Honnef-Aegiendenberg kracht ein mit drei Personen besetzter PKW gegen die Brüngsberger Brücke, auch "Westerwälder Tor" genannt. Die Fahrzeuginsassen tragen schwere Verletzungen davon, werden in umliegende Krankenhäuser gebracht.

Was heute kaum noch jemand weiß, wird in den aktuellen Heimatblättern des Geschichtsvereins erläutert. Das 1938 fertiggestellte Westerwälder Tor des Architekten Paul Bonatz  ist eine der letzten Natursteinbrücken der nationalsozialistischen Reichsautobahn. Sie ist überfrachtet mit Ideologie, wie Autorin Dr. Elisabeth Knauer in ihrem Aufsatz "Was vom 1000-jährigen Reich übrigblieb" facettenreich herausarbeitet.

Beginnen wir beim Material. Das Mauerwerk besteht aus bergischer Grauwacke und Basaltlava. Kein Zufall. Das Regime wünscht regionale Anknüpfungspunkte bei den verwendeten Steinen, setzt auf "rustikale Handwerklichkeit" als Ausdruck urdeutschen Schaffensdranges. Diese Betonung der ehrlichen Arbeit in vorkapitalistischen Verhältnissen verschleiert nur notdürftig, dass wir es mit einer zumindest halbindustriellen Behandlung der Quader zu tun haben. Und: Gebrochen wurden die Steine, indem man Menschen brach. KZ-Häftlinge mussten unter elenden Bedingungen den Fels behauen, bis sie buchstäblich umfielen. 

Der Brückenname spricht Bände, wir befinden uns mitten in einer NS-Erdkundestunde. Die Bezeichnung Tor bedeutete implizit: Sie wechseln an dieser Stelle das Stammesgebiet. Ganz deutlich tritt uns dieses Rassedenken auf bzw. unter der Muschelkalkbrücke "Tor von Thüringen" entgegen, wo man von den Thüringern zu den Sachsen hinüberfährt. 

Weil ein Großteil der Bevölkerung Ende der 1930er-Jahre noch gar nicht motorisiert ist, entwickelt sich die Kunstgattung des Autobahnbildes, um eine weite Verbreitung der Großtaten des Führers zu garantieren. Die opulenten Ölgemälde besitzen die Größe, mit der heute die Flachbildausstellungsstücke im Elektronikfachhandel aufwarten. Sie zeigen gewaltige Kräne und breite Straßenanlagen vor devot zurücktretenden traditionellen Landmarken wie Kirchen.

Exemplarisch nennt Knauer das Bild der Brücke in der Holledau von Carl Theodor Protzen, gemalt 1940. Die Querung findet sich an der heutigen A9 zwischen Nürnberg und München. Hitler selbst kaufte es. Auf dem Bilderrahmen heißt es martialisch-dunkel in Versalien: "RODET DEN FORST - SPRENGET DEN FELS - ÜBERWINDET DAS TAL - ZWINGET DIE FERNE - ZIEHET DIE BAHN DURCH DEUTSCHES LAND". Knauer denkt weiter. "Die Imperative legen im Jahr des Frankreichfeldzugs 1940 nahe, dass der Rahmenspruch des Autobahnbildes auch als Paraphrase zu einem (legitimierten) Angriffskrieg gelesen werden kann."

Wer die Heimatblätter im 88. Jahrgang 2020 erwerben möchte, sendet eine E-Mail an gav@siegburg.de. Der Band wird portofrei zugesandt. 

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