Als er auf einem amerikanischen Militär-Lkw die Stadt verlässt, muss Jean Lasserre schlucken. Ein Tränchen rollt ihm aus dem Augenwinkel. Fast fünf Jahre hat er, der Südfranzose aus dem Örtchen Laurabuc, die Produktion im Café Wagner verantwortet. 1940 kommt er nach Siegburg, ins Gefangenenlager am Ulrather Hof. Etwa zeitgleich muss Albert Wagner zur Luftwaffe. Lassarre springt in der Backstube ein. Jeden Morgen wird er zur Holzgasse 3 geführt. Mit Wilhelmine Wagner koordiniert er ein internationales Mitarbeiterteam, so würde man heute sagen. Da ist Stefan, der Pole, für den die Chefin bürgt, sodass er zwischendurch die Familie besuchen kann. Er kehrt aus Verantwortungsgefühl gegenüber der Familie Wagner tatsächlich ins Land der Kriegstreiber zurück. Da ist die Ukrainerin, die weint, wenn sie die Puppen der Wagner-Kinder sieht. Die Zwangsarbeiterin, deren Name nicht überliefert ist, hat ein Kind in der Ukraine zurücklassen müssen.
Lassarre geht es besser als den allermeisten seiner Schicksalsgenossen. Er hat es warm, er kann sich und seine Kleidung waschen. In den 1950er-Jahren wird der abgerissene Kontakt zwischen ihm und den Wagners wiederhergestellt. Die Töchter des Konditorpaars schauen auf dem Weg in den Spanienurlaub bei ihm vorbei. Unter mediterraner Sonne wird gefeiert. Die Deutschen mühen sich in der Fremdsprache. Wenn das Gespräch stockt, schwenkt Jean sanft ins Deutsche über.
Er hat die rheinischen Rezepturen nicht vergessen, beliefert die Menschen der Region Okzitanien mit Süßem nach Siegburger Art. Bis ins neue Jahrtausend hält die Verbindung zu den Frauen. 2001 bedankt er sich für die Glückwünsche zu seinem 85. Geburtstag in einem Brief: "Glaubt mir, ich bedauere es zutiefst, dass ich nicht nach Deutschland kommen konnte, um euch einen freundschaftlichen Besuch abzustatten. Ich bin dankbar für die gute Behandlung, die ich während der Jahre bei euch erfahren habe."
Die Episode verdanken wir Ulrike Gallon, der jüngsten Tochter von Albert und Wilhelmine Wagner, geboren nach dem Krieg, heute bei Karlsruhe lebend. Sie wies per E-Mail auf einen Artikel hin, den ihr Schwager 2001 in der Seniorenzeitschrift "65er Nachrichten" veröffentlichte und dem wir die Inhalte für diesen siegburgaktuell-Artikel entnommen haben. Foto: Links der 65er-Artikel über die deutsch-französische Freundschaft, erschienen vor einem Vierteljahrhundert. Rechts der handschriftliche Brief von Jean Lasserre an seine deutschen Freunde, ebenfalls von 2001.

