Michaelsberg

Heimat unterm Hakenkreuz

Siegburg. Beinahe genauso spannend wie Geschichte selbst ist die Art und Weise, wie ein Land auf seine Geschichte blickt. Das augenfälligste Beispiel ist der gesellschaftliche Umgang mit dem Nationalsozialismus. Erst weitgehend verschwiegen, dann aufgearbeitet und beleuchtet. "Niemals wieder" als moralisches Grundgesetz, das aus den Erkenntnissen hervorging. Heute, mit zunehmender zeitlicher Distanz, werden Stimmen lauter, die das Geschehen von 1933 bis 45 bagatellisieren, als Betriebsunfall einer ansonsten ruhmreichen Vergangenheit abtun und einen Ausstieg aus etablierten Formen der Erinnerungskultur und des Schulunterrichts fordern.
Die Damen und Herren auf unserem Bild sehen das anders. Sie haben, jeweils angelehnt an lokale Bezugspunkte, mit lesenswerten Beiträgen in den frisch erschienenen Heimatblättern des Rhein-Sieg-Kreises dazu beigetragen, das Wirken nationalsozialistischen Gedankenguts in der Region sichtbar zu machen.  
Der Siegburger Musikwerkstattleiter Dr. Christian Ubber hat die Tagebücher des Theatermanns Wolfram Humperdincks (sie kamen 2021 als Leihgabe des Ex-Bildchefs Kai Diekmann ins Stadtarchiv) ausgewertet. Da Engelberts Sohn in seinen täglichen Einträgen häufig auf die Korrespondenz mit seinem Freund Carl Friedrich Goerdeler abhob, den er aus Leipzig kannte, lässt sich eine frühere und deutlichere Oppostionshaltung Goerdelers erkennen als von der Wissenschaft bislang angenommen. Goerdeler, bis 1937 Oberbürgermeister von Leipzig, gilt als zentrale Figur des 20.-Juli-Verschwörerkreises. Er wäre Reichskanzler geworden, hätte das Attentat in der Wolfsschanze Erfolg gehabt.  
Da ist die Mülldorfer Kirche St. Mariä Heimsuchung, die uns bei genauem Hinsehen Hinweise auf die "Volksreligion Ideologie" verrät. Dr. Elisabeth Knauer stellt sie in den Mittelpunkt ihres Aufsatzes. Da ist die Beschallungsapparatur mit dem Namen Rundfunksäule auf dem Königswinterer Marktplatz, die als Instrument der Propaganda und Sinnbild für den umfassenden Indoktrinierungsanspruch sowie die akustische Beherrschung des öffentlichen Raums gelten darf. Der Beueler Hans Hauptstock hat sich mit ihr auseinandergesetzt. Und da ist das Porträt des kommunistischen Lagers im Siebengebirge, das sich selbst unter Druck erstaunlich straff und schlagkräftig organisierte. Die Gemeinden in den sieben Bergen als "Klein-Moskau" - wer hätte das gedacht? Tobias Kühne heißt der Autor des lesenswerten Beitrags.
Die deutsche Geschichte endet nicht mit dem Zusammenbruch am 8. Mai 1945. So schließt auch die vorliegende Doppelausgabe 2023/24 mit einem zeitlich jüngeren Thema, nämlich der Entwicklung der Rheinbacher Tomburg zum Pflegefall in den 1960er-Jahren. Für diese Abhandlung ist Kay-Marten Harms aus dem Kreisarchiv zu danken. 
Die Heimatblätter werden vom Geschichts- und Altertumsverein herausgegeben, auf unserem Bild vertreten durch den Vorsitzenden Stefan Rosemann, den Geschäftsführer Jan Gerull und die Vorstandsmitglieder Dr. Claudia Arndt und Jens Kröger.
Die grünen Bücher im 91./92. Jahrgang sind für 12 Euro im Stadtmuseum und bei Thalia am Markt erhältlich. Auch in der Vereinsgeschäftsstelle im Rathaus gibt's den Band, Kontakt unter gav@siegburg.de oder +49 2241 102-1331.
Foto (v.l.): Stefan Rosemann, Hans Hauptstock, Kay-Marten Harms, Dr. Christian Ubber, Dr. Elisabeth Knauer, Jan Gerull, Dr. Claudia Arndt und Jens Kröger.

Siegburg. Beinahe genauso spannend wie Geschichte selbst ist die Art und Weise, wie ein Land auf seine Geschichte blickt. Das augenfälligste Beispiel ist der gesellschaftliche Umgang mit dem Nationalsozialismus. Erst weitgehend verschwiegen, dann aufgearbeitet und beleuchtet. "Niemals wieder" als moralisches Grundgesetz, das aus den Erkenntnissen hervorging. Heute, mit zunehmender zeitlicher Distanz, werden Stimmen lauter, die das Geschehen von 1933 bis 45 bagatellisieren, als Betriebsunfall einer ansonsten ruhmreichen Vergangenheit abtun und einen Ausstieg aus etablierten Formen der Erinnerungskultur und des Schulunterrichts fordern.

Die Damen und Herren auf unserem Bild sehen das anders. Sie haben, jeweils angelehnt an lokale Bezugspunkte, mit lesenswerten Beiträgen in den frisch erschienenen Heimatblättern des Rhein-Sieg-Kreises dazu beigetragen, das Wirken nationalsozialistischen Gedankenguts in der Region sichtbar zu machen.  

Der Siegburger Musikwerkstattleiter Dr. Christian Ubber hat die Tagebücher des Theatermanns Wolfram Humperdincks (sie kamen 2021 als Leihgabe des Ex-Bildchefs Kai Diekmann ins Stadtarchiv) ausgewertet. Da Engelberts Sohn in seinen täglichen Einträgen häufig auf die Korrespondenz mit seinem Freund Carl Friedrich Goerdeler abhob, den er aus Leipzig kannte, lässt sich eine frühere und deutlichere Oppostionshaltung Goerdelers erkennen als von der Wissenschaft bislang angenommen. Goerdeler, bis 1937 Oberbürgermeister von Leipzig, gilt als zentrale Figur des 20.-Juli-Verschwörerkreises. Er wäre Reichskanzler geworden, hätte das Attentat in der Wolfsschanze Erfolg gehabt.  

Da ist die Mülldorfer Kirche St. Mariä Heimsuchung, die uns bei genauem Hinsehen Hinweise auf die "Volksreligion Ideologie" verrät. Dr. Elisabeth Knauer stellt sie in den Mittelpunkt ihres Aufsatzes. Da ist die Beschallungsapparatur mit dem Namen Rundfunksäule auf dem Königswinterer Marktplatz, die als Instrument der Propaganda und Sinnbild für den umfassenden Indoktrinierungsanspruch sowie die akustische Beherrschung des öffentlichen Raums gelten darf. Der Beueler Hans Hauptstock hat sich mit ihr auseinandergesetzt. Und da ist das Porträt des kommunistischen Lagers im Siebengebirge, das sich selbst unter Druck erstaunlich straff und schlagkräftig organisierte. Die Gemeinden in den sieben Bergen als "Klein-Moskau" - wer hätte das gedacht? Tobias Kühne heißt der Autor des lesenswerten Beitrags.

Die deutsche Geschichte endet nicht mit dem Zusammenbruch am 8. Mai 1945. So schließt auch die vorliegende Doppelausgabe 2023/24 mit einem zeitlich jüngeren Thema, nämlich der Entwicklung der Rheinbacher Tomburg zum Pflegefall in den 1960er-Jahren. Für diese Abhandlung ist Kay-Marten Harms aus dem Kreisarchiv zu danken. 

Die Heimatblätter werden vom Geschichts- und Altertumsverein herausgegeben, auf unserem Bild vertreten durch den Vorsitzenden Stefan Rosemann, den Geschäftsführer Jan Gerull und die Vorstandsmitglieder Dr. Claudia Arndt und Jens Kröger.

Die grünen Bücher im 91./92. Jahrgang sind für 12 Euro im Stadtmuseum und bei Thalia am Markt erhältlich. Auch in der Vereinsgeschäftsstelle im Rathaus gibt's den Band, Kontakt unter gav@siegburg.de oder +49 2241 102-1331.

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