"Wir werden herzlich von Hasret Cal, der Vorsitzenden des Alevitischen Kulturzentrums, mit Musik und frisch hergestelltem Gebäck empfangen. Wir erfahren viel Neues über das Selbstverständnis der Aleviten und was sie ausmacht - auch im Vergleich zu anderen Religionsgemeinschaften, die sich auf den Koran berufen.
Für die Aleviten steht der Mensch im Vordergrund - und zwar vor der Religion, die alles verknüpft. Respekt, Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen, ein friedliches Zusammenleben und eine enge Verbindung prägen die Gemeinschaft. Der Gottesdienst ist nicht auf einen Wochentag festgelegt (es gibt also kein Freitagsgebet, auch keinen festen Wochen-Rhythmus), nennt sich Cem - kurz für Cemevi - und wird von Frauen und Männern gemeinsam besucht, es gibt keine rituellen Unterschiede. Männliche Geistliche werden Dede genannt, weibliche als Ana bezeichnet.
Viele der Vereinsmitglieder haben ihre Wurzeln in der Türkei, ungefähr die Hälfte sind Kurden. Mit Gründung der Türkei 1923 und der Festlegung der Reformen 1925 wurde der alevitische Glaube verboten, seine Anhänger wurden verfolgt und in guten Zeiten bestenfalls geduldet.
Ein Sänger greift zur Saz (Foto) und stimmt ein Lied mit schlichter und trauriger Melodie an, viele aus der Gemeinschaft steigen mit ein. Es erzählt davon, dass wir alle von Geburt an einen langen Weg gehen, auf dem wir Leid und Unterdrückung entkommen. Die Musik und die dazugehörenden Noten werden als gemeinsame Sprache und als Netz der Menschheit untereinander gesehen. Die ersten Instrumente der Aleviten entstanden aus Pfeil und Bogen und wurden damit nicht nur symbolisch umfunktioniert. Das Ziel: Krieg und Unterdrückung sollen ein Ende haben."

