Michaelsberg

Emily in Siegburg 

Siegburg. Das alte Eisentor zum jüdischen Friedhof sitzt fest. Es steht schwer im Rahmen, als wolle es den Ort für sich behalten. Erst mit etwas Nachdruck gibt es nach. Innerhalb der Umzäunung betreten wir eine andere Welt. Hohe Bäume, dominiert von einer knorrigen Kastanie, spenden Schatten. 35 Grad und den stechenden Sonnenschein lassen wir hinter uns.
Emily Tabak Epstein hat lange überlegt, ob sie die 6.500 Kilometer lange Reise antreten soll. Mit ihrem breitkrempigen Hut steht die New Yorker Anwältin auf dem jüdischen Friedhof an der Heinrichstraße und blickt sich forschend um. "Da ist er ja, der erste Feith", entfährt es ihr in einer Mischung aus Ehrfurcht vor der Geschichte und Zufriedenheit über die erfolgreiche Suche. Und dann, viel ernster: "Ich kannte nur eine Person mit diesem Namen. Und hier sind so viele."
Emily hat es schließlich doch gemacht, was ihr Großvater, Henry Katz, jedem seiner Nachfahren immer anriet: "Besucht Siegburg!" Aus Siegburg stammt die Familie seiner Mutter. Ein weites Verwandtschaftsgeflecht, dessen Mitglieder auf die Namen Feith und Levison hörten. Henry nahm die Enkel mit auf Tour über den Atlantik. Im Netz finden sich Bilder einer Schar von amerikanischen Jugendlichen, die mit dem Opa in der Holzgasse steht, 2013 aufgenommen. Emily war damals nicht dabei. "Es brauchte ein bisschen, zu euch zu kommen. Jetzt bin ich da." 
Die zu Fuß zurückgelegte Distanz vom Bahnhof zum Friedhof und weiter in die Holzgasse verbindet Vergangenheit und Gegenwart. Gestern: Blühendes jüdisches Leben der Kaiserzeit. Nationalsozialistisches Unrecht. Auslöschung der Gemeinde. Heute: Jährliche Erinnerung am Tag der Pogromnacht, stille Gebete im Dunkeln zwischen uralten Grabsteinen. Regelmäßige Stadtführungen auf den Spuren des Judentums.   
Emily ist aus Berlin nach Siegburg gekommen. Die Topografie des Terrors, wie das Holocaustmahnmal offiziell heißt, ist sie abgeschritten. Wir passieren die Volkshochschule, weisen auf die Möglichkeit hin, sich für ganz kleines Geld von jungen Jahren bis in den Ruhestand hinein geistig fit und informiert zu halten. Nicht jeder kann oder will dieses Angebot nutzen - schnell sind wir bei Formen des Neo-Antisemitismus. Sie hat davon erfahren. Natürlich in Berlin.
Wie sieht Alltag in Deutschland aus? Heiß und stickig in dieser Juniwoche. Ein Standortvorteil hat Siegburg gegenüber dem Big Apple. "Es ist herrlich lange hell bei euch." Emily saugt auf, was ihr das Land der Vorfahren präsentiert. Haben die Plakate am Zaun gegenüber des Friedhofeingangs eine politische Bedeutung? Ja. Nein. Beides. Das Seniorenzentrum ist auf Personalsuche. Probleme eines leergefegten Arbeitsmarkts. Und einer alternden Gesellschaft. 
Apropos alt. Um wen es geht, als der nachdrücklich gerufene Satz "He's definitely not my president!" fällt, müssen wir nicht erklären. Vom großen Spalter zur großen Völkerverständigung. Die Weltmeisterschaft, die in ihrer Heimat gastiert, verbindet Menschen. "Das ist nur zu begrüßen." Ihre Tochter ist Torhüterin in einem Soccer-Team, daher kennt sie die Regeln und Geheimnisse des Spiels. Mit Stolz zückt sie das Handy, zeigt ein Mannschaftsfoto.  
Mit dabei ist Andreas Remmel, in Siegburg bestens bekannt durch die früher von ihm und seinem Bruder Paul geführte Buchhandlung im Haus zum Tannenbaum. Emilys Opa Henry Katz ist ein Cousin seines Vaters. Warum das Familientreffen vor der Holzgasse 27 endet, dem Haus mit der Mikwe, dem jüdischen Ritualbad? Das erfahren Sie morgen. 


Siegburg. Das alte Eisentor zum jüdischen Friedhof sitzt fest. Es steht schwer im Rahmen, als wolle es den Ort für sich behalten. Erst mit etwas Nachdruck gibt es nach. Innerhalb der Umzäunung betreten wir eine andere Welt. Hohe Bäume, dominiert von einer knorrigen Kastanie, spenden Schatten. 35 Grad und den stechenden Sonnenschein lassen wir hinter uns.

Emily Tabak Epstein hat lange überlegt, ob sie die 6.500 Kilometer lange Reise antreten soll. Mit ihrem breitkrempigen Hut steht die New Yorker Anwältin auf dem jüdischen Friedhof an der Heinrichstraße und blickt sich forschend um. "Da ist er ja, der erste Feith", entfährt es ihr in einer Mischung aus Ehrfurcht vor der Geschichte und Zufriedenheit über die erfolgreiche Suche. Und dann, viel ernster: "Ich kannte nur eine Person mit diesem Namen. Und hier sind so viele."

Emily hat es schließlich doch gemacht, was ihr Großvater, Henry Katz, jedem seiner Nachfahren immer anriet: "Besucht Siegburg!" Aus Siegburg stammt die Familie seiner Mutter. Ein weites Verwandtschaftsgeflecht, dessen Mitglieder auf die Namen Feith und Levison hörten. Henry nahm die Enkel mit auf Tour über den Atlantik. Im Netz finden sich Bilder einer Schar von amerikanischen Jugendlichen, die mit dem Opa in der Holzgasse steht, 2013 aufgenommen. Emily war damals nicht dabei. "Es brauchte ein bisschen, zu euch zu kommen. Jetzt bin ich da." 

Die zu Fuß zurückgelegte Distanz vom Bahnhof zum Friedhof und weiter in die Holzgasse verbindet Vergangenheit und Gegenwart. Gestern: Blühendes jüdisches Leben der Kaiserzeit. Nationalsozialistisches Unrecht. Auslöschung der Gemeinde. Heute: Jährliche Erinnerung am Tag der Pogromnacht, stille Gebete im Dunkeln zwischen uralten Grabsteinen. Regelmäßige Stadtführungen auf den Spuren des Judentums.   

Emily ist aus Berlin nach Siegburg gekommen. Die Topografie des Terrors, wie das Holocaustmahnmal offiziell heißt, ist sie abgeschritten. Wir passieren die Volkshochschule, weisen auf die Möglichkeit hin, sich für ganz kleines Geld von jungen Jahren bis in den Ruhestand hinein geistig fit und informiert zu halten. Nicht jeder kann oder will dieses Angebot nutzen - schnell sind wir bei Formen des Neo-Antisemitismus. Sie hat davon erfahren. Natürlich in Berlin.

Wie sieht Alltag in Deutschland aus? Heiß und stickig in dieser Juniwoche. Ein Standortvorteil hat Siegburg gegenüber dem Big Apple. "Es ist herrlich lange hell bei euch." Emily saugt auf, was ihr das Land der Vorfahren präsentiert. Haben die Plakate am Zaun gegenüber des Friedhofeingangs eine politische Bedeutung? Ja. Nein. Beides. Das Seniorenzentrum ist auf Personalsuche. Probleme eines leergefegten Arbeitsmarkts. Und einer alternden Gesellschaft. 

Apropos alt. Um wen es geht, als der nachdrücklich gerufene Satz "He's definitely not my president!" fällt, müssen wir nicht erklären. Vom großen Spalter zur großen Völkerverständigung. Die Weltmeisterschaft, die in ihrer Heimat gastiert, verbindet Menschen. "Das ist nur zu begrüßen." Ihre Tochter ist Torhüterin in einem Soccer-Team, daher kennt sie die Regeln und Geheimnisse des Spiels. Mit Stolz zückt sie das Handy, zeigt ein Mannschaftsfoto.  

Mit dabei ist Andreas Remmel, in Siegburg bestens bekannt durch die früher von ihm und seinem Bruder Paul geführte Buchhandlung im Haus zum Tannenbaum. Emilys Opa Henry Katz ist ein Cousin seines Vaters. Warum das Familientreffen vor der Holzgasse 27 endet, dem Haus mit der Mikwe, dem jüdischen Ritualbad? Das erfahren Sie morgen. 

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