Über die Notwendigkeit bin ich mir schon lange im Klaren. Als die Krankenkassen vor vielen Jahren die Organspendeausweise versendeten, zögerte ich keine Sekunde, um das Feld "Ja, ich gestatte, dass nach der ärztlichen Feststellung meines Todes meinem Körper Organe entnommen werden" anzukreuzen. Ohne Einschränkungen. Aber eine Blut- oder Knochenmarkspende? Beim Zahnarzt zahle ich gerne die Lachgassedierung, um die Behandlung nicht bei vollem Bewusstsein erleben zu müssen, vor Impfungen schlafe ich schlecht, während der Blutabnahme muss ich mehrmals daran erinnert werden, das Atmen nicht zu vergessen.
Doch ich kenne Max. Ein Teil seiner Familie ist auch ein Teil meiner Familie. Das letzte Mal, dass ich Max sah, es war im Frühling, stieg er mit einem Strahlen im Gesicht vom Fahrrad. Mir ist bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ich Max‘ Match bin, im Promillebereich liegt. Vielleicht. Vielleicht sogar noch darunter. Aber Max ist kein Einzelfall. Mein Entschluss steht fest: Ich besiege meine eigene Angst, um möglicherweise einem anderen Menschen das Leben retten zu können, um einer anderen Familie die Ängste um einen geliebten Menschen zu nehmen.
Nach kurzer Wartezeit bin ich an der Reihe. Zusammen mit den drei Teststäbchen und einem Mäppchen, in dem ich diese nach erfolgtem Abstrich verpacken soll, erhalte ich eine schnelle mündliche Einweisung. Die ist eigentlich überflüssig, denn mit dem Smartphone scanne ich einen ausliegenden QR-Code, der mich zu einem Fragebogen führt. Zunächst muss ich zustimmen, dass ich mich zumindest für eine "periphere Stammzellenentnahme", die in 90 Prozent der Fälle durchgeführt wird und bei der die Stammzellen dem Blut entnommen werden, oder eine Knochenmarkentnahme unter Vollnarkose aus dem Beckenknochen bereiterkläre. Noch einmal zögere ich kurz, klicke dann aber auf Ja.
Es werden noch Rahmendaten - Geburtsdatum, Kontaktmöglichkeiten - und mögliche Erkrankungen, die ein Ausschlusskriterium sind, abgefragt, dann werde ich Schritt für Schritt durch den Testvorgang, den ich selbst vornehmen darf, geführt. Eine Minute Abstrich an der linken Wange - die Stoppuhr läuft im Registrierungsprogramm -, dann an der rechten, dann beide mitsamt der Lippe. Ich gebe zu, das ist nicht immer angenehm, ich kämpfe zwischenzeitlich mit dem Würgereiz, aber es gelingt. Jetzt die Stäbchen noch zwei Minuten trocknen lassen, danach dürfen sie in die Verpackung.
Ein letztes Mal zögere ich kurz: Soll ich die Probe wirklich abgeben? Klar! Auch wenn ich insgeheim hoffe, zu den 99 Prozent der Registrierten zu gehören, die nicht als Spender benötigt werden ...
Meine Schwester bringt meine Gedanken heute Morgen auf den Punkt: "Ich bin schon seit Jahren registriert und hatte noch kein Match. Trotzdem bin ich froh, es gemacht zu haben und vielleicht jemanden eine Chance auf ein neues Leben zu geben."
Sollten Sie sich nicht wagen oder keine Spende abgeben dürfen: Jede Registrierung kostet 50 Euro. Die DKMS freut sich daher auch über finanzielle Zuwendungen, die ihre Arbeit unterstützt.

