Frau Ackers, Sie übersetzen bei Kasalla-Konzerten die Lieder in Gebärdensprache - auch in Siegburg. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?
Kasalla legen schon seit vielen Jahren großen Wert auf Barrierefreiheit und darauf, ihre Konzerte möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Vor knapp zehn Jahren haben wir das erste Mal zusammengearbeitet - und daraus ist inzwischen eine echte Konstante geworden. Die Band bemüht sich, viele ihrer Konzerte mit Gebärdensprache anzubieten. Mittlerweile hat sich sogar ein erster Kasalla-Fanclub aus schwerhörigen und tauben Fans gegründet.
Kasalla singen "op Kölsch". Ist es möglich, Gebärdenspräche mit Dialekt zu übersetzen?
Ja, absolut - auch in Gebärdensprachen gibt es dialektale und regionale Unterschiede. Für uns Dolmetscherinnen ist aber vor allem entscheidend, die Ausgangssprache und ihre kulturellen Besonderheiten wirklich zu verstehen. Gerade bei Kasalla spielt der kölsche Dialekt ja eine große Rolle und transportiert sehr viel Identität und Gefühl. Deshalb ist es mir auch in der Übersetzung wichtig, dass erkennbar bleibt, dass hier Kölsch gesungen wird. Das zeigt sich zum Beispiel im Mundbild, das bei der Übersetzung durchgängig Kölsch bleibt. So geht nicht nur der Inhalt der Texte mit, sondern auch ein Stück der kölschen Kultur und Atmosphäre.
Ich habe einmal erfahren, dass manche Wörter durch eine Gebärde abgebildet werden, andere, indem man die einzelnen Buchstaben zeigt. Jetzt ist bei Musik - also auch beim Gesang - der Rhythmus ein wesentlicher Bestandteil des Erlebnisses. Wie schaffen Sie es, dieses gehörlosen Konzertbesucherinnen und -besuchern zu vermitteln?
Die Gebärdensprache ist eine vollwertige Sprache und für die allermeisten deutschen Wörter gibt es eigene Gebärden. Buchstabiert wird in der Regel nur bei Eigennamen oder wenn man eine Gebärde selbst einmal nicht kennt. Natürlich kann deshalb auch Musik in Gebärdensprache gedolmetscht werden. Dabei geht es aber um viel mehr als nur den reinen Liedtext. Es muss beispielsweise immer erkennbar sein, ob gerade ein Lied gesungen wird oder ob Basti zwischendurch mit dem Publikum spricht. Ein wesentlicher Bestandteil ist dabei der Rhythmus der Gebärden. Je nach Musikstil und Stimmung verändern sich Bewegungen, Dynamik und Ausdruck: Gebärden können weicher, härter, schneller oder ruhiger werden. Auch Mimik und Körpersprache spielen dabei eine große Rolle. Am Ende geht es darum, dass möglichst alle Besucherinnen und Besucher eines Konzerts ein gemeinsames Erlebnis teilen können - dieses verbindende Gefühl von Musik, Stimmung und Mitsingen.
Sind die Texte von Ihnen eigentlich einstudiert? Oder dolmetschen Sie simultan - und würden beispielsweise auch einen "Versinger" oder eine spontane Textänderung (was ja ebenfalls ein wesentliches Konzerterlebnis sein kann) mit übersetzen?
Die Texte bereite ich tatsächlich sehr intensiv vor. Die Ausgangstexte der Lieder lerne ich im Grunde auswendig, damit ich sie im exakt gleichen Moment und im gleichen Rhythmus übersetzen kann. So, dass gleichzeitig gelacht, geklatscht oder geschunkelt werden kann. Trotzdem bleibt es Simultandolmetschen. Über mein In-Ear höre ich Basti permanent und bleibe immer direkt an seinen Worten. Das bedeutet: Auch spontane Änderungen, Versprecher oder "Versinger" werden von mir unmittelbar mitgedolmetscht. Genau diese spontanen Momente gehören ja zu einem Livekonzert dazu. Das, was man von mir auf der Bühne sieht, ist keine Performance, die Musik darstellt. Es ist eine vollständige Übersetzung - allerdings eine, die gleichzeitig musikalisch und im Takt funktioniert.
Aus eigenen Konzertbesuchen weiß ich, dass Sänger und Frontmann Basti Campmann sehr viel Spaß auf der Bühne hat und oft lacht. Kann man auch solches übersetzen?
Das stimmt absolut - die oft sehr ausgelassene und humorvolle Stimmung auf der Bühne steckt natürlich auch mich an und macht einfach Freude. Gleichzeitig gehört es aber auch zu meiner Aufgabe als Dolmetscherin, genau solche Feinheiten in Stimmung und Emotion mit zu übersetzen. Dabei spielen Mimik, Körpersprache und Ausdruck eine große Rolle. Es macht beispielsweise einen Unterschied, ob etwas ernst, ironisch oder lachend gesagt wird - und genau das übersetze ich mit. Trotzdem bin ich im Grunde so etwas wie ein "lebendiger Untertitel". Die gebärdensprachlichen Zuschauerinnen und Zuschauer schauen natürlich weiterhin auf die fünf Musiker auf der Bühne. Der Blick wechselt oft zwischen ihnen und meiner Übersetzung hin und her. Die Energie, die gute Laune und der Spaß, den die Band auf der Bühne hat, bekommen deshalb eigentlich alle unmittelbar mit - dafür braucht es oft gar keine Übersetzung mehr.
Gibt es Lieder, die besonders schwer oder besonders leicht zu übersetzen sind?
Es gibt tatsächlich ganz unterschiedliche Herausforderungen. Sehr schnell gesungene Lieder verlangen natürlich ein hohes Tempo in der Übersetzung, aber auch sehr langsame Songs können schwierig sein, weil man Spannung und Ausdruck über längere Momente tragen muss. Besonders herausfordernd sind auch Texte mit vielen Wortspielen oder sehr kölschen Besonderheiten. Das schwierigste Lied für mich hat aber weniger mit Sprache zu tun als mit Emotionen. "Ne Jode", das Abschiedslied für den verstorbenen Kasalla-Techniker und Freund Tom, berührt mich persönlich sehr. Gerade dann wird das Dolmetschen emotional herausfordernd - nicht, weil die Worte schwer zu übersetzen wären, sondern weil man selbst während der Übersetzung sehr mitfühlt.
Unabhängig von Ihrer Tätigkeit als Gebärdendolmetscherin: Auf welches Lied freuen Sie sich besonders, wenn dieses beim Kasallakonzert angestimmt wird?
Am meisten freue ich mich wahrscheinlich auf "Sing mich noh Hus". Das hat gleich mehrere Gründe. Zum einen stehen bei diesem Lied vier der fünf Musiker mitten im Publikum - und das ist tatsächlich der einzige Moment während des Konzerts, in dem ich die Band selbst anschauen kann, weil ich sonst am Rand der Bühne mit dem Blick nach Vorne stehe. Zum anderen gibt es in dem Lied eine Textzeile, die für mich unglaublich gut beschreibt, worum es bei Musik und gemeinsamen Konzerten eigentlich geht: "Blend die Welt för ne Aurebleck us." Genau das passiert bei einem gemeinsamen Musikerlebnis. Menschen verbringen Zeit miteinander, teilen Emotionen und lassen für einen Moment alles außerhalb des Konzerts hinter sich. Man lässt sich gemeinsam in die Musik fallen - unabhängig davon, ob hörend oder gehörlos. Und ich bin sehr glücklich darüber, dabei mit meiner Arbeit eine kleine Brücke sein zu dürfen.
Wenn Sie jetzt Lust bekommen haben, Kasalla live zu erleben oder Alina Ackers bei der Arbeit zuschauen möchten: Tickets für das Konzert gibt es in allen bekannten Vorverkaufsstellen, unter anderem an der Kasse des Stadtmuseums, sowie online.

