Sonntagfrüh gibt's erst Technikprobleme bei der Zeitmessung, also schlendere ich durchs Fahrerlager. Die Post fährt mit, in einem Steampunk-Schlitten mit goldener Auspuffapplikation. Ein anderes Gefährt trägt zwei Monster als Galionsfiguren und eine GoPro. Scheint ein fotogener Sport zu sein.
Am Nürburgring drängeln sich 350.000, am Michaelsberg stehen etwas weniger an den Hängen und Pisten. Die Lackierungen der Armada am Start verströmt den Duft der weiten Welt. Rote Bullen neben Playboy-Hasen. Großsponsoring? Sinn für Humor? Die einzigen Fragen, die unbeantwortet bleiben.
Ab ins Kommentatorenzelt. Ute ist meine Mikrofonpartnerin. Sie gehört zu den "Flotten Kisten Overath", die mit uns Städtern das Event stemmen. Ute weiß alles, kennt die Vorteile der beinahe lautlosen Gummireifen, die Voraussetzungen für den Start in den jeweiliegen Klassen. Sechs Jahre ist die jüngste Fahrerin, 76 Lenze hat der älteste. Der heißt Udo Gaidosch, steuert eine umgebaute Badewanne, die an charakterstarke französische Autos erinnert.
Zwei Enkel von Ute stürzen sich bergab. Der Opa, ihr Mann, steht am Rand. Er hat im Vorfeld gesägt und geschraubt. Familiengeschäft. Bei Familie Lorenz, dem harten Kern der "Flotten Kisten", sind alle vier involviert. Lucas ist Cheforganisator und Rennleiter. Schwester Linda steht hinter der Ziellinie. Papa Frank rauscht formvollendet an uns vorbei. Mutter Hedwig ist überall zur selben Zeit. Sie pendelt zu Fuß zwischen Berg und Tal.
Bald bin ich mit den Hochburgen der seifigen Bewegung vertraut, interessanterweise liegen alle im Münsterland. Mettingen, Billerbeck, Stromberg. Westfalen sind buntere Hunde als man denkt. Gemütlich sind sie ohnehin. Der blaue Blitz aus Mettingen hat seinen eigenen Fanclub am Start, der auf Campingstühlen unter dem mitgebrachten Pavillon dem Regen trotzt und zwischendurch mit den Cheerleader-Puscheln wedelt.
Seifenkisten brauchen nicht zwingend eine natürliche Erhöhung. "Es gibt Rampen, die sind mehrere Meter hoch, das langt für reichlich Strecke", erklärt Ute. In der Signalgruppe informiert sie ihre Liebsten: "Ferienwohnung für die Weltmeisterschaft ist gebucht." Amerika, Kanada oder Mexiko - das will ich fragen, ehe mir im letzten Moment einfällt: Es geht höchstwahrscheinlich um die Kisten, nicht ums Kicken. Nicht New York oder LA, sondern Kematen an der Ybbs in Österreich. Ort und Flüsse, die klingen wie der Superjoker bei "Stadt, Land, Fluss", sind die Zentren der schwerkraftbetriebenen Geschosse. Passt hervorragend zu dieser handfesten, sehr bescheidenen Community.
Knallrote oder giftgrüne Pfeile schießen an uns vorbei, die Stunden auch. Keine 24, wie rund um die Nürburg, aber sechs sind es schon, die unser Geplauder füllt. Ute und ich entdecken einen Zielkonflikt. Etwas Elementares steht zwischen uns an diesem Sonntagnachmittag. Sie ist gebürtige Elversbergerin, ich wurde fußballerisch im Niedersachenstadion zu Hannover sozialisiert. Wer steigt auf? Frotzeleien bestimmen unseren Smalltalk. Am Tag danach, einem Tag der tiefen Leere, schickt sie mir eine Kondolenz per E-Mail. Betreff: "Bist bestimmt sehr traurig." Ich gratuliere: "Das nächste Dorf in Liga eins!" Manchmal ähneln sich Fußball- und Seifenkistenwelt.
Wo wir bei den Siegern sind. Da ich im Laufe meiner Tätigkeit lerne, die Teilnehmerfelder auseinanderzuhalten, fällt es mir nicht schwer, zum guten Schluss ein paar Namen loszuwerden. Die Masterclass gewinnt Juli Rickert, Billerbeck, in der Elite-Klasse schnappt sich Pia Lampe vom Jugendclub Mettingen den Pokal. Bester "Rookie" ist Anik Braun aus Stromberg, die Rubrik "Open" geht an Moritz Meyhoff, ebenfalls Billerbeck. Siegburger Stadtmeister wird Alexander Narres. Fünfmal Glückwunsch, tschö Ute!
Das Foto machte unser Leser Raimund Lenz, in den 1960er-Jahren selbst jugendlicher Seifenkistenpilot bei den Wettkämpfen auf der Alten Poststraße.

