Die Hautfarbe spielt von Anfang an eine große Rolle im Leben des gebürtigen Münsteraners Erwin Kostedde, Jahrgang 1946. Als Sohn einer deutschen Mutter lernt er seinen Vater, einen afroamerikanischen Soldaten, nie kennen. In Münster habe es damals insgesamt drei schwarze Kinder gegeben, erinnert sich Kostedde. Rassismus war ein ständiger Begleiter. "Wo habt ihr den denn gekauft?", wird seine Mutter des Öfteren gefragt. Seine weißen Halbgeschwister schämen sich für ihn. Klassenkameraden raten ihm, er solle sich die dunkle Haut mit Seife abwaschen. Er versucht es tatsächlich und schrubbt, bis das Blut fließt.
Nur beim Bolzen auf der Straße scheint die dunklere Haut keine Rolle zu spielen. Hier lernt er auch einen der beiden anderen schwarzen Jungs kennen. Endlich jemand, der so aussieht wie er. Jemand, der versteht, wie es ist, immer "anders" zu sein. Dann bemerkt ein Streifenpolizist, der ihn beim Kicken beobachtet, Kosteddes Talent. Der Beamte kauft ihm seine ersten Fußballschuhe und bringt ihn in einem Verein unter. Der Grundstein für einen sportlichen Werdegang, der von Preußen Münster über den MSV Duisburg zunächst nach Lüttich führt, wo er Torschützenkönig der ersten belgischen Liga wird. Im Europapokal wird Real Madrid besiegt. Dann kommt der Wechsel zurück nach Deutschland zu den Offenbacher Kickers, deren Rekordtorschütze er heute noch ist. Kostedde reift zum Nationalspieler und wird zu einem der Wegbereiter für heutige DFB-Stars wie Jonathan Tah oder Jamal Musiala.
Doch der sportliche Erfolg kann die Selbstzweifel, entstanden aus der schwer erträglichen Situation in seiner Jugend, nicht dauerhaft vertreiben. Die Suche nach einer Identität jenseits von Äußerlichkeiten wird Kostedde sein Leben lang beschäftigen. Er beschreibt sich heute in Interviews als jemanden, der damals immer auf der Flucht war, weg von den neugierigen Blicken, den Tuscheleien, den offenen Beschimpfungen, der Einsamkeit. Sehr früh, mit 13 Jahren, landet er beim Alkohol. Seine Mutter weiß nicht weiter, schickt ihren Erstgeborenen in Erziehungsheime. Später, während des Wehrdienstes - auch dort ist er der erste Schwarze - schlägt er betrunken häufig über die Stränge, landet im Bundeswehrgefängnis. In Belgien verordnet sein Trainer ihm Entzug.
Seine Hautfarbe bleibt für ihn ein Problem, auch nach der Karriere. Als 1990 die Polizei in Coesfeld einen Raubüberfall aufklären will, wird Kostedde verhaftet und mehrere Monate in Untersuchungshaft genommen. Der Grund: Zeugen berichten, der Täter sei ein Schwarzer gewesen. Bei einer Gegenüberstellung wird der Ex-Profi fälschlicherweise identifiziert. Er war der einzige Schwarze, den die Behörden finden konnten.

