Telefonat am Montagmittag mit Thomas Eickmann, Trainer des Leichtathletikzentrums Rhein-Sieg (LAZ) und früherer Spitzenläufer auf der Marathonstrecke. Man klagt ihm das eigene "Leid", beim zurückliegenden Versuch in Lissabon trotz guter Vorbereitung die legendäre Distanz wiederum nicht in der Zeit von unter vier Stunden überwunden zu haben, holt sich Tipps ab für die letzten Qualkilometer. Da geht ein anderes Fenster auf. Eickmann: "Gott sei Dank ist Emad wieder da." Wer ist Emad? Einer seiner schnellen Jungs. 26 Jahre. Hürdensprinter. Iraner. "Er war in der Heimat, wir haben ihn tagelang nicht erreicht. Unterhalte dich doch mal mit ihm, er kommt heute Abend zum Training."
Natürlich gehe ich zum Training. Emad Najafzadeh erscheint um kurz nach halb sechs in der Vierfachhalle am Anno-Gymnasium. Smart, lächelnd. Ein Sonnenschein. "Ich war doch im Urlaub", sagt er. Kann man kaum glauben. Zwischen 5.000 oder 18.000 Menschen richtet das Mullah-Regime in der Zeit hin, in der er die Eltern besucht. In Siegburg sind sein Hürden-Coach Jonas Jochem und die Vereinskameraden in größter Sorge. Eickmann: "Insta, Mail, Messenger. Wir haben es auf allen Kanälen versucht." Die Handys bleiben stumm. Keine Rückmeldung von Emad. Netz abgeschaltet.
Jetzt, ein paar Tage nach seiner Rückkehr, wagt er den Rückblick. Die Ferieninsel "Kish Island" liegt im Persischen Golf. Nicht groß, 90 Quadratkilometer. Früher badete hier der Schah. Vom gegenüberliegen Dubai ist die Einreise für westliche Ausländer möglich. "Mein erster Trainer war Amerikaner", sagt Emad, der 2019 fürs Sportstudium nach Deutschland kam und heute als Schwimmlehrer arbeitet. Als er ging, war er iranischer Meister über 400 Meter Hürden.
Kish ist weit weg von Teheran. "Von Aufständen haben wir in der Vergangenheit wenig mitkommen." Anders in den letzten Wochen. Von 130 Toten allein auf dem Eiland ist die Rede. Dem Proteststurm folgt die durch Gewalt erzwungene Ruhe. Wenn die Sonne untergeht, herrscht gespenstische Stille. "Es ist dunkel, alle paar Meter stehen riesige Männer. Sie verbergen ihr Gesicht." Es sind nicht nur Polizisten. Auch das Militär ist im Einsatz. Und die berüchtigten Revolutionsgarden, Todesengel des Gottesstaats. "Wenn man nicht sofort macht, was sie wollen, schwebt man in Lebensgefahr." Die Eltern gehen stumm einkaufen. Ansonsten verlassen sie das Haus nicht mehr. Lockdown der Angst.
Für Emad heißt es: Nichts wie raus. Aber wie? Erst guckt er nach Verbindungen auf dem Landweg. Quer durch den Iran, bis zur türkischen Grenze. Dann hat er Glück, bucht ein Flugticket nach Istanbul, danach geht's weiter nach Köln/Bonn. Kaum gelandet, läuft er beim Hallenmeeting in Dortmund. Nächstes Ziel sind die Verbandsmeisterschaften. Und die deutsche Staatsbürgerschaft. "Den Einbürgerungstest habe ich schon bestanden. Ich bin sehr froh über die Hilfe, vor allem vom Verein und von Thomas."
Foto: WDR-Reporter Bamdad Esmaili interviewte Emad und Thomas Eickmann für die Lokalzeit Bonn. Auch Esmaili trainierte im LAZ, auch er hat persische Wurzeln und ist in Sorge.

