Doch bevor wir das Wasser erreichen, wandern wir durch den von Luisenstraße, B56 und ICE-Trasse eingefassten Wald. Nur die Agger bildet eine natürliche Grenze. Trotz des relativ jungen Alters - der Bestand hat sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt - entdecken wir überraschend viele alte Bäume. "Ideale Heimat für viele Arten", so Radtke. Spechte - wir hören Bunt- und Grünspecht - bauen ihre Höhlen in das morsche Holz. Später ziehen in diese andere Vögel ein. Ringeltauben beispielsweise, oder Kleiber, die das für sie viel zu große Loch mit Lehm verkleinern. Ein Stück weiter, hinter der abgeplatzten Rinde einer Weide in der Aggeraue, hat ein Gartenbaumläuferpaar sein Nest. "Das sind sogenannte Nischenbrüter, ihnen reicht ein schmaler Spalt."
Staunen lässt uns eine akustische Mimikry. Wir glauben, eine Singdrossel zu hören, doch der Vogelexperte erkennt, von der Bestimmungsapp bestätigt, eine Mönchsgrasmücke. "Die imitieren gerne Laute, zum Beispiel Autoalarmanlagen. Oder eben den Gesang anderer Arten." Fast unhörbar hingegen das Sommergoldhähnchen. "Die höhen Töne sind vor allem für ältere Menschen nur noch schwer zu vernehmen."
Dann stehen wir am Ufer des Trerichsweihers, einer ehemaligen Tongrube mit Wurzeln im 16. Jahrhundert. Das Gewässer ist maximal drei Meter tief und hat keinen natürlichen Zufluss, speist sich also ausschließlich durch Niederschläge. Auf den Inseln brüten verschiedene Arten in unterschiedlichen Stockwerken. Am Boden hocken Graugänse auf ihren Eiern. In der nächsten Etage herrscht noch emsigeres Treiben: Die Kormorane sind damit beschäftigt, an ihren Nestern zu bauen. Wenn sie damit fertig sind, brüten sie einen Monat, dann dauert es noch einmal 50 Tage, bis die Jungen "die gute Stube" verlassen. Damit sind die Eltern ihre Pflichten jedoch noch nicht los: Sie füttern den Nachwuchs weitere drei Monate mit hochgewürgtem Fisch.
Über den Köpfen der abwertend als Wasserraben bezeichneten Tiere - in der Teichwirtschaft können Kormorankolonien große Schäden anrichten, weshalb der heute wieder häufige Vogel in den 70er-Jahren kurz vor dem Aussterben stand - wohnen schließlich die Graureiher. "Das sind wahre Leichtgewichte, gemessen an ihrer Größe." Maximal zweieinhalb Kilo bringen die Schreiter die Waage, die stundenlang nahezu regungslos auf Fische, Frösche, Schlangen, Regenwürmer oder Feldmäuse lauern können. Damit sind sie mehr als 500 Gramm leichter als ihre schwarzen Nachbarn, die dementsprechend kräftigere Äste zum Bau des Nistplatzes benötigen.
Am Ende des Rundgangs stehen 30 Vogelarten, die wir hören und/oder sehen konnten, auf der Liste. Die nächste Exkursion mit Dr. Uwe Radtke führt am Freitagabend, 22. Mai, ab 19 Uhr durch die Pleistalaue. Treffpunkt ist der Parkplatz an Burg Niederpleis. Anmeldung beim Amt für Umwelt und Wirtschaft unter +49 2241 102-1353 oder umwelt@siegburg.de. Die Teilnahme ist kostenlos.
Foto: Erklärung mit vollem Körpereinsatz - Uwe Radkte führt die charakteristische Silhouette eines Kormorans (rechts unten) vor, der sein Gefieder nach einem Tauchgang trocknen lässt. Rechts oben ein Graureiher.

