Michaelsberg

Redner aus London und Berlin

Siegburg. Erneuter Rückblick auf die Stolpersteinverlegung für Selma Oestreicher am Freitag, die sich dadurch auszeichnete, dass Nachfahren einen aktiven Part einnahmen. Alex Michaels reiste mit Frau, den beiden Kindern und seinen Eltern aus London an. Seine Urgroßmutter Emma war die Schwester von Selma, beide entstammten der im 19. Jahrhundert hochangesehenen Getreidehändlerfamilie Hoffmann aus Aurich. Jüdische Buddenbrooks, nicht aus Lübeck, aus Ostfriesland. Emma gelangte in den 1930ern mit ihrem Mann nach England. Die Insel rettete ihr das Leben.
Michaels ist schon ein halbes Dutzend Mal in Deutschland gewesen, immer ist die Geschichte nah an ihm dran. Mit der ganzen Familie geht er auf Spurensuche, wohnt Verlegungen von Stolpersteinen bei, besucht jüdische Friedhöfe. Selma und Emma hatten elf Geschwister. Hoffmänner lebten beispielsweise in Hannover und Düren.
Der Rechercheur hat ein Familienalbum mit Schwarzweißfotos dabei, viele Bilder sind an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden. Jüdische Männer mit Kaiser-Wilhelm-Bart ließen für Kaiser und Vaterland auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs ihr Leben. Selmas erster Ehemann, Salomon "Sally" Peiser, gehörte zu ihnen. Er starb im Sommer 1918.
Dass die Erfahrung, mit Deutschland durch dick und dünn gegangen zu sein, die Angehörigen der älteren Generation dazu bewog, trotz zunehmender Repressalien des NS-Staats auszuharren in der Hoffnung, der Spuk sei bald vorbei, berichtete Mary Beer, die aus Berlin an die prominente Siegburger Ecke der Bahnhofstraße mit der Ringstraße gekommen war. Hier betrieb Selmas zweiter Mann Felix Oestreicher einen Haushaltswarenladen, verkaufte edles Porzellan, Silberbesteck, Kinderwagen. Mary Beers Großvater Fritz Löwenstein war der Bruder von Paula, der ersten Frau von Felix Oestreicher. Die 83-Jährige wurde in englischer Emigration geboren, die Eltern kehrten nach 1945 zurück.
Auch Felix Oestreicher, Jahrgang 1877, wollte lange nicht ausreisen, zu hoch sein Alter zu stark seine Verwurzelung in Deutschland, seine Bindung an Siegburg. Er kannte die Heiligen der Katholiken besser als es die Katholiken taten und war, was den jüdischen Glauben anbetraf, eher säkular eingestellt. Selma, aus tiefgläubigem Elternhaus, war regelmäßig in der Kölner Synagoge an der Roonstraße zu Gast. Nachdem der Nazi-Mob in der Pogromnacht die acht (!) Schaufenster eingeworfen und sich an den silbernen Messern und Löffeln bedient hatte, machte das renommierte Geschäft nie wieder auf. Selma und Felix zogen nach Köln, von wo sie 1942 deportiert wurden. Er starb im Januar 1944 in Theresienstadt, sie ein Dreivierteljahr später in Auschwitz.
Was sind die Quellen, die das auf der Zeremonie verteilte Informationsblatt füllen? Entschädigungsakten, Meldekarten, schriftliche Augenzeugenberichte, auch die Bauakte des Wohn- und Geschäftshauses Ringstraße 2, das Felix Oestreicher 1927/28 erwarb und umbauen ließ.
Foto: Alex Michaels (3.v.l.) aus London und Mary Beer (2.v.r) aus Berlin beschrieben das Leben der Eheleute Felix und Selma Oestreicher in Siegburg. Die Nachfahren von Marga Steinberg, der nach Uruguay geflüchteten Tochter aus Felix erster Ehe, haben sich gegen einen Stolperstein für ihn ausgesprochen, möchten nicht, dass man über ihn läuft beziehungsweise auf ihn tritt. Daher gibt es nur einen Stein, es wurde aber an zwei Existenzen erinnert. Rechts neben Michaels seine Familie, links Bürgermeister Stefan Rosemann und Stadtarchivar Jan Gerull, rechts Vizebürgermeister Oliver Schmidt.

Siegburg. Erneuter Rückblick auf die Stolpersteinverlegung für Selma Oestreicher am Freitag, die sich dadurch auszeichnete, dass Nachfahren einen aktiven Part einnahmen. Alex Michaels reiste mit Frau, den beiden Kindern und seinen Eltern aus London an. Seine Urgroßmutter Emma war die Schwester von Selma, beide entstammten der im 19. Jahrhundert hochangesehenen Getreidehändlerfamilie Hoffmann aus Aurich. Jüdische Buddenbrooks, nicht aus Lübeck, aus Ostfriesland. Emma gelangte in den 1930ern mit ihrem Mann nach England. Die Insel rettete ihr das Leben. 

Michaels ist schon ein halbes Dutzend Mal in Deutschland gewesen, immer ist die Geschichte nah an ihm dran. Mit der ganzen Familie geht er auf Spurensuche, wohnt Verlegungen von Stolpersteinen bei, besucht jüdische Friedhöfe. Selma und Emma hatten elf Geschwister. Hoffmänner lebten beispielsweise in Hannover und Düren. 

Der Rechercheur hat ein Familienalbum mit Schwarzweißfotos dabei, viele Bilder sind an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden. Jüdische Männer mit Kaiser-Wilhelm-Bart ließen für Kaiser und Vaterland auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs ihr Leben. Selmas erster Ehemann, Salomon "Sally" Peiser, gehörte zu ihnen. Er starb im Sommer 1918.  

Dass die Erfahrung, mit Deutschland durch dick und dünn gegangen zu sein, die Angehörigen der älteren Generation dazu bewog, trotz zunehmender Repressalien des NS-Staats auszuharren in der Hoffnung, der Spuk sei bald vorbei, berichtete Mary Beer, die aus Berlin an die prominente Siegburger Ecke der Bahnhofstraße mit der Ringstraße gekommen war. Hier betrieb Selmas zweiter Mann Felix Oestreicher einen Haushaltswarenladen, verkaufte edles Porzellan, Silberbesteck, Kinderwagen. Mary Beers Großvater Fritz Löwenstein war der Bruder von Paula, der ersten Frau von Felix Oestreicher. Die 83-Jährige wurde in englischer Emigration geboren, die Eltern kehrten nach 1945 zurück.  

Auch Felix Oestreicher, Jahrgang 1877, wollte lange nicht ausreisen, zu hoch sein Alter zu stark seine Verwurzelung in Deutschland, seine Bindung an Siegburg. Er kannte die Heiligen der Katholiken besser als es die Katholiken taten und war, was den jüdischen Glauben anbetraf, eher säkular eingestellt. Selma, aus tiefgläubigem Elternhaus, war regelmäßig in der Kölner Synagoge an der Roonstraße zu Gast. Nachdem der Nazi-Mob in der Pogromnacht die acht (!) Schaufenster eingeworfen und sich an den silbernen Messern und Löffeln bedient hatte, machte das renommierte Geschäft nie wieder auf. Selma und Felix zogen nach Köln, von wo sie 1942 deportiert wurden. Er starb im Januar 1944 in Theresienstadt, sie ein Dreivierteljahr später in Auschwitz. 

Was sind die Quellen, die das auf der Zeremonie verteilte Informationsblatt füllen? Entschädigungsakten, Meldekarten, schriftliche Augenzeugenberichte, auch die Bauakte des Wohn- und Geschäftshauses Ringstraße 2, das Felix Oestreicher 1927/28 erwarb und umbauen ließ.

Foto: Alex Michaels (3.v.l.) aus London und Mary Beer (2.v.r) aus Berlin beschrieben das Leben der Eheleute Felix und Selma Oestreicher in Siegburg. Die Nachfahren von Marga Steinberg, der nach Uruguay geflüchteten Tochter aus Felix erster Ehe, haben sich gegen einen Stolperstein für ihn ausgesprochen, möchten nicht, dass man über ihn läuft beziehungsweise auf ihn tritt. Daher gibt es nur einen Stein, es wurde aber an zwei Existenzen erinnert. Rechts neben Michaels seine Familie, links Bürgermeister Stefan Rosemann und Stadtarchivar Jan Gerull, rechts Vizebürgermeister Oliver Schmidt.  

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