Wie wird das wesentlich weitreichendere Verbot der Nahrungszufuhr von Sonnenauf bis -untergang im Ramadan von den Muslimen gelebt? Gefragt habe ich mich das schon lange. Seit gestern bin ich schlauer. Turan Kalkan, Vorsitzender der Siegburger Moscheegemeinde an der Händelstraße, hatte eingeladen zur "Heiligen Nacht". Anders als die Heilige Nacht bei den Christen an Weihnachten verkriecht sich nicht eine jede Familie mit vollem Gänsebratenbauch ins stille Kämmerlein. Man ist zusammen. Und man isst zusammen.
Der an meinem Platz ausliegende Gnadenspruch ist gedanklich erst halb verdaut, da schreiten, die Arme vor der Brust gekreuzt, die Derwische in den Saal. Sie drehen sich in einen Schwebezustand, um Gott nahe zu sein. Obwohl die Mädchen mit ihren hohen, eimerartigen Hüten und den wallenden Gewändern durch ihren Tanz nicht in Trance verfallen, scheinen sie tatsächlich der Welt für den Moment entrückt. Die Gemeinde wirft freundlicherweise die Erklärung der Pirouetten per Beamer an die Wand: "Der Tanz geht auf die Lehren von Mevlana Rumi zurück und steht für Liebe, Harmonie und innere Reise."
Der Imam tritt auf, rezitiert die Verse 183/184 der Sure Al-Baquar, aus Türkisch wird Arabisch. Fasten dient dazu, "gerecht zu werden". Wer krank ist oder reist, für den gelten Ausnahmen. Derjenige, der Schwierigkeiten beim Fasten hat, kann ein "Lösegeld" bezahlen in der Höhe der täglichen Nahrung einer amen Person.
Grußbotschaften werden gesprochen, keine länger als fünf Minuten. Erinnert wird an die sich 2026 überschneidende Fastenzeit von Christen und Muslimen, aber auch an die anhaltenden Kriege in Nahost.
Die Damen vom Frauenausschuss bringen sich an den Kopfenden des Saals in Position, rühren in riesigen Töpfen. 350 Portionen warten auf Verteilung. Reis, Fleisch, Nudelsuppe, Fladenbrot und eine knoblauchlastige Quark-Gurken-Creme. Ein Betthupferl nach Art der sehr süßen türkischen Süßspeisen. Der Styropor-Teller, den ich von der Ausgabestelle zum Tisch zurückbalanciere, ist gut gefüllt.
Neben mir: der junge Kollege vom Kölner Stadt-Anzeiger, dem die Redaktion einen Bericht zu Fastentraditionen bei Muslimen, Katholiken und Protestanten aufgetragen hat. Mit Pfarrer Matthias Lenz und André Schröder vom KSI hat er kompetente Gesprächspartner. Lerne: Katholiken und Muslime sind sich gar nicht so fremd in ihrem Drang, durch reduziertes Essen einen Prozess der Innerlichkeit und Spiritualität in Gang zu setzen. Protestanten, erklärt Lenz, hätten mit dem Bruch von Rom die Fastenregel demonstrativ ignoriert. Aber seit etwa 30 Jahren sei in seiner Kirche eine Fastenbewegung erkennbar, allerdings breiter gefasst, es gehe auch um gute Taten, um Verbesserung in zwischenmenschlichen Beziehungen, nicht zuletzt in Ehe und Partnerschaft.
Schröder und Lenz zählen die kleinen Betrügereien auf, die in katholischen Fastengegenden erfunden wurden: Die schwäbische Maultausche, in der Hoffnung, Gott möge das Fleischstückchen im Nudelpanzer nicht entdecken. Oder die plötzliche Fischwerdung des Bibers in Verkennung zoologischer Gesetzmäßigkeiten. Kein Wunder, dass der Dammbauer mit Überbiss vor knapp 200 Jahre von der Bildfläche verschwand und sich die Population erst heute, in säkularer Zeit, wieder erholt.

