Die Schule als Spiegel der Gesellschaft. Immer mehr gerät das, was wir leicht hochtrabend unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung nennen, unter Beschuss. Wenn früher die Kids wiedergaben, was die Eltern abends beim Essen besprachen, sind es heute die TikToker, die Einfluss ausüben. Social Media befördert den Drall ins Populistische, rein Emotionale, Randständige, Menschenfeindliche.
Lehrerinnen und Lehrer stehen häufig genug fassungslos vor diesen "Netzextremen" ihrer Klassen. Wie reagieren? Schweigen - wegen der vermeintlichen Pflicht zur politischen Neutralität? Sofort gegenhalten? Eine schwierige Abwägung.
Innerhalb der BildungsWerkstatt, der gemeinsamen Fortbildung aller in Siegburg Unterrichtenden, gründete sich die Gruppe "Lehrkräfte für Demokratie und Menschenrechte". Sie hat ein in der Fachwelt vielbeachtetes Handlungsprogramm entwickelt, das hilft, wenn's brenzlig wird im oben genannten Sinne.
Der Siegburger Konsens ist eine Fortschreibung des Beutelsbacher Konsens' aus den 1970er-Jahren. Er wurde gestern offiziell im BildungsCampus Neuenhof vorgestellt. Sein Ziel, so die Mitautorin Janna Segger von der Hans Alfred Keller-Schule, ist der Wechsel von der Defensive in die Offensive. Nicht nur der Staat erwarte, dass die an Pult und Smartboard stehenden Frauen und Männer für ihn einstehen. "Die Eltern, die ihre Kinder auf unsere Schulen schicken, erwarten das auch!"
Wir zitieren vier zentrale Konsens-Punkte in voller Länge:
Für Werte, nicht für Parteien
Der Siegburger Konsens fordert keine parteipolitische Einflussnahme im Unterricht. Vielmehr bekräftigt er die Verpflichtung, für die grundlegenden Werte des Grundgesetzes einzustehen. Damit entspricht er dem Prinzip der wehrhaften Demokratie: Schulen sollen junge Menschen befähigen, demokratische Strukturen zu verstehen, zu schützen und sich gegen ihre Feinde von innen und außen zu behaupten.
Keine falsche Neutralität
Die oft verbreitete Behauptung, Lehrkräfte müssten politisch vollkommen neutral bleiben und dürften sich nicht gegen demokratiefeindliche Positionen äußern, beruht häufig auf Fehlinterpretationen oder gezielten Falschinformationen. Dem widersprechen wir klar: In einer wehrhaften Demokratie darf Neutralität nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden. Lehrkräfte haben den Auftrag, demokratische Grundwerte zu verteidigen und einzuordnen, wenn diese angegriffen werden.
Fakten sind nicht verhandelbar
Demokratischer Diskurs lebt vom Austausch unterschiedlicher Perspektiven - aber nicht von der Gleichsetzung von Fakten und gezielten Falschbehauptungen. Schule hat den Auftrag, faktenbasiertes Denken zu fördern und Desinformation zu widersprechen, wie man sie im politischen Diskurs immer häufiger antrifft.
Klare Haltung für Demokratie und Vielfalt
Angesichts wachsender Bedrohungen demokratischer Werte bekennen sich die Lehrkräfte der Siegburger Schulen ausdrücklich zu den Grundprinzipien des Grundgesetzes. Ihr Bildungsauftrag verpflichtet sie, Demokratie, Menschenwürde und Vielfalt nicht nur zu vermitteln, sondern aktiv zu schützen. Sie treten entschieden jeder Form von Demokratiefeindlichkeit und Diskriminierung entgegen und verstehen Schule als Ort gelebter demokratischer Kultur.
Bürgermeister Stefan Rosemann bezeichnet das Wort Konsens als "Weltklasse", es sei das Heilmittel gegen Spaltung. "Ich bin froh und stolz, dass aus unserem städtischen Fortbildungsangebot diese in Deutschland bislang einmalige Initiative entstanden ist."
Unter www.siegburg.de zum vollständigen Konsens im Wortlaut.

