An Aschermittwoch, als die Puppen nicht mehr tanzten, die Despoten aber weitermachten wie zuvor, setzten sich mehr als 40 Mitglieder des Geschichtsvereins in die Linie 66 und fuhren ins umgestaltete Haus der Geschichte (HdG) in Bonn. Mittelpunkt der neuen Ausstellung ist das deutsche Happy End vor dreieinhalb Jahrzehnten. Unser Foto zeigt die Nachbildung der Prager Situation im denkwürdigen Herbst 1989 und die im Jubel untergehende Botschaft an der Botschaft: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..." Genschers berühmtem Halbsatz folgen die Worte von Hanns Joachim Friedrichsen, diesem Inbegriff von Seriosität, der in den "Tagesthemen" am 9. November zögerlich in den Superlativ "Historische Nacht" wechselt. Das Zitat lässt bei all jenen, die dabei waren, die Hauthärchen in die Höhe schnellen. Neben der Besuchergruppe aus Siegburg steht eine Mutter mit Kind. "Wieso weinen die Leute da", fragt die Kleine unbedarft, und es ist nicht klar, ob sie die Zuschauer vor oder die Trabantfahrer auf der Leinwand meint.
In die Köpfe der älteren Rundgänger drängen eigene Erfahrungen am Eisernen Vorhang. Die ewige Warterei und die Schikanen beim Grenzübertritt. Das Hoffen und Bangen, ob die Gärung im Arbeiter- und Bauernstaat zu mehr Freiheit oder mehr Panzern führt. "Du bist Teil der Geschichte" heißt der neue Wahlspruch des HdG, das seit Wiedereröffnung vor zweieinhalb Monaten schon fast 200.000 Menschen sehen wollten. Der Slogan passt wie Spitzhacke auf Mauerkrone, um bildlich in der Wendezeit zu bleiben.
Lerne 1: Die anderthalbstündige Führung ist kaum mehr als ein Schweinsgalopp durch 81 Ausstellungsjahre. Das Wiederkommen und Vertiefen als Individualkulturtourist ist unbedingt nötig!
Lerne 2: Es tut angesichts der allgemeinen Verunsicherung dieser Tage richtig gut, nostalgisch zurückzuschauen. "Ich darf jetzt einfach da rüber gehen zur Familie?", fragt die lockige Frau den DDR-Grenzer. Die Antwort veranlasst sie zu Unerhörtem. Sie küsst ihn auf den Mund und verschwindet gen Westen.

