Die Reisediplomatie deckte - so kam Merz dem Museum dann doch nahe - die Pole der neuen Dauerausstellung ab. Zu Beginn das Leid der Überlebenden aus den Konzentrationslagern, die mit den Flüchtlingen aus Pommern und Schlesien nebst entlassenen Wehrmachtssoldaten ein umherirrendes Millionenheer bildeten. Wie eine Mauer ragen die Kartons der DRK-Suchkartei in die Höhe. Auf der Ziellinie, dicht an der Gegenwart, stehen die Munitionskisten für die Ukraine stellvertretend für die Feststellung, dass die Geschichte nicht "zu Ende ist", wie vorschnelle Kommentatoren nach dem Niedergang des Kommunismus' prognostizierten. Die kürzliche Zeitenwende wendete auch das Schalketrikot. Lange flossen die russischen Gasmillionen pipelinegleich nach Gelsenkirchen. Mit Kriegsbeginn 2022 musste Königsblau die Reklame auf der Brust abhängen, warb nun eilig mit blau-gelber Flagge für den Frieden.
Die Kuratoren haben ganze Arbeit geleistet, um die Schau an das Publikum heranzurücken. Jede und jeder findet Anknüpfungspunkte zum eigenen Leben. Der Slogan "Du bist Teil der Geschichte" unterstreicht die Betrachter-Kompatibilität.
Das ikonographische Uni-Hamburg-Bildzeugnis "Unter den Talaren / der Muff von 1.000 Jahren" führt zur Studentenbewegung, ein Raum mit Boy- und Girlbandpostern an der Wand und Diddl-Mäusen im Regal repräsentiert die Jugendkultur in den 1990ern. Das Brautkleid der Beachvolleyball-Olympiasiegerin Kira Walkenhorst steht stellvertretend für die gleichgeschlechtliche Ehe, ein Paar schlammbelegter Stiefel für die Schrecken der Ahrflut.
Überall ist das eigene Mitmachen gefordert, es darf geklickt, geschätzt, angehört und angesehen werden. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, für den Kanzler in Bonn präsent, fand als gelernter Journalist die richtigen Worte. Er verglich die Exponate mit den Fotos eines Familienalbums. Ein deutsch-deutsches Album, die Kamera schwenkt in der Epoche der Teilung zwischen BRD und DDR hin und her. Sie nimmt beispielsweise die industriellen Musterstädte Stalinstadt (1961 nach der vorherrschenden Eisenhütte benannt) und die "Volkswagenburg" ins Visier.
Wie das historisch Wertvolle in die Vitrine gelangt? Mal abgesehen von den Großobjekten wie dem VW-Käfer oder dem Globalisierungsüberseecontainer - die größte Schatzkiste deutscher Zeitgeschichte ist nach wie vor der Speicher unter deutschen Dächern!
Foto: Achtung, die Achtziger wollen ihre Quietschbuntheit zurück! Aerobic und Beckers Wimbledonsieg lösten einen Bewegungsboom aus. Um beim Sport nicht übersehen zu werden, trug man Neonoutfits. Ab heut steht die neue Ausstellung auf der Museummeile allen Neugierigen offen. Die Linie 66 bringt Sie in einer halben Stunde bis vor die Tür.

