25.03.2020

Letzte Ruhestätte Ittenbach

Ende der Kaldauer Kriegstrilogie

Siegburg. In der vorletzten Ausgabe von siegburgaktuell berichteten wir über das Schicksal der 40 Zwangsarbeiter, von denen 19 am 23. März 1945, also vor genau 75 Jahren, bei einem versehentlichen Granatbeschuss der Amerikaner in Kaldauen zu Tode kamen.

Was geschah mit den Leichnamen? Die Toten wurden schnell in einem Massengrab neben der Hauptstraße, an der Grenze zwischen den Dörfern Kaldauen und Münchshecke, auf einem damals noch unbebauten Grundstück beigesetzt, wobei die damit verbundenen Gefahren nicht unbeträchtlich waren. Etwa 400 Meter von dieser Stelle entfernt waren die Stellungen der Amerikaner, sie hatten freie Sicht. Den deutschen Bestattern musste also an einer Feuerpause gelegen sein. Wie konnte die vereinbart werden? Eine Funkverbindung oder telefonische Verbindung bestand nicht, die Herstellung eines persönlichen Kontaktes war wegen der zwischen den Fronten verlaufenden Sieg nicht möglich. Nach den Recherchen von Heimatforscher Ulrich Tondar war es so, dass die Amerikaner die Kaldauer, die ihre Bestattungsabsicht mit einem weißen oder roten Tuch ankündigten, ein oder zwei Stunden in Ruhe ließen, um eine ausreichend große Grube auszuheben, die toten Zwangsarbeiter hineinzulegen, sie mit Kalk zu bestreuen und sie abschließend mit dem Aushub wieder zu bedecken. Von einem Gebet am Grab oder einem Gottesdienst zum Gedenken an die 19 Toten in der Seligenthaler Pfarrkirche ist nichts bekannt. Der Eigentümer des Grundstücks, auf dem sich das Massengrab befand, beantragte am 22. Dezember 1945 bei der Verwaltung des Amtes Lauthausen die Exhumierung der Leichen und ihre Umbettung auf den Friedhof der katholischen Kirchengemeinde in Seligenthal. Damals gehörten die Dörfer Kaldauen, Münchshecke und Seligenthal zur amtsangehörigen Gemeinde Braschoß, die wiederum Teil des Amtes Lauthausen war. Die Amtsverwaltung griff den Vorschlag, den Fremdarbeitern in Seligenthal eine letzte Ruhestätte zu gewähren, nicht auf, sondern entschied, am Ortseingang von Allner einen Ehrenfriedhof für alle Menschen, die auf dem Gebiet des Amtes zwischen 1939 und 1945 durch Kriegshandlungen zu Tode gekommen waren, anzulegen. Es handelte sich um 42 Frauen und Männer. Am 29. November 1945 stellte die Forstverwaltung aus dem Kaldauer Gemeindewald fünf Festmeter Stammholz für die Herstellung von Särgen zur Verfügung. Das Sägewerk Hafener sollte daraus die Bretter schneiden. Schreinermeister Heinrich Nümm in Lauthausen wurde vom Amtsbürgermeister am 23. Januar 1946 beauftragt, die erforderliche Anzahl von Särgen, nämlich 42, herzustellen, und zwar in den Größen von jeweils 1,90 Meter Länge, 55 cm Breite und 18 cm Höhe, mit jeweils einem Kreuz auf der Oberseite. Das Siegwerk lieferte 45 kg rehbraune Farbe zum Anstreichen der Särge und stellte dafür 100 Mark in Rechnung. Für die Exhumierung der 19 Toten in Kaldauen wurden drei Männer verpflichtet. Für jeden umzubettenden Toten erhielten sie 25 Mark. Außerdem gewährte der Amtsarzt die Zuteilung von je einer Flasche Trinkbranntwein und die Amtsverwaltung eine Schwerstarbeiterzulage. Zudem mussten sich die Totengräber impfen lassen, Gummischuhe und entsprechende Handschuhe tragen. Die zehn Tage andauernde Aktion wurde von einem Arzt und von der Polizei überwacht. Die Einweihung des 450 Quadratmeter großen Ehrenfriedhofs bei Allner fand am 24. März 1946 statt, genau ein Jahr nach dem schrecklichen Ereignis in Kaldauen. Fünf Männer aus Bröl und Allner wurden beauftragt, die Gräber am 13. März 1946 auszuheben; dazu mussten sie Spaten und Kreuzhacke von zu Hause mitbringen. Zu dieser Feierstunde hatte Amtsbürgermeister Josef Caspers den Militär-Gouverneur des Siegkreises, Major Morris, der in Siegburg residierte, sowie die örtliche Geistlichkeit und die Männer-Gesang-Vereine aus Bröl, Allner und Kaldauen mit der Bitte um musikalische Gestaltung eingeladen. Der Gemeinschaftschor sang "Da unten ist Frieden", ein "Sanctus" und "Wie sie so sanft ruhen". Eine Schülerin der damaligen Volksschule Bröl sagte das Gedicht "Das Grab" von Ernst Moritz Arndt, geschrieben im Jahre 1835, auf. Die Einsegnung der Gräber erfolgte durch Pfarrer Regh, Happerschoß, Pfarrer Reuter aus Hennef sprach zu den Teilnehmern. Insgesamt 103 Frauen und Männer waren persönlich eingeladen worden, außerdem die gesamte Einwohnerschaft des Amtes Lauthausen gemäß öffentlicher Bekanntmachung, außerdem die Redaktionen von drei Zeitungen sowie der Fotograf Herber aus Hennef. Beigesetzt auf dem Ehrenfriedhof wurden Soldaten in 23 Einzelgräbern sowie die neun bzw. zehn anonym gebliebene Toten in zwei Sammelgräbern. Der Bürgermeister legte zwei Kränze nieder mit der Aufschrift "Ruhet in Frieden ihr Toten der Vereinten Nationen - Amt Lauthausen" - damit waren die Zwangsarbeiter gemeint - und "Ruhet in Frieden ihr Deutschen Soldaten - Amt Lauthausen". Mit der gleichzeitigen Beisetzung der Soldaten und der Zivilisten auf demselben Friedhof erfuhren die Zwangsarbeiter eine späte Anerkennung ihrer menschlichen Würde. Im Tod waren sie jetzt nicht mehr Menschen zweiter Klasse. Ihre Namen, ihr Lebensalter und ihre Heimat ließen sich allerdings nicht mehr ermitteln. Der Ehrenfriedhof in Allner wurde schon im Jahre 1949 aufgelöst. Die sterblichen Überreste der 19 Zwangsarbeiter wurden auf dem damals neu angelegten Soldatenfriedhof Ittenbach umgebettet (Foto).


25.03.2020 - Soldatenfriedhof Ittenbach

Soldatenfriedhof Ittenbach