23.03.2020

Granaten töteten 19 Zwangsarbeiter

Vor 75 Jahren: Größte Tragödie in der Geschichte Kaldauens

Siegburg. Der 23. März 1945 war ein Freitag, zehn Tage vor Ostern, Mitten in der Passionszeit, Sonnenaufgang 6.34 Uhr.

Es war, von den Temperaturen her gesehen, ein angenehmer Frühlingstag. Er war aber der schrecklichste Tag in der fast 950-jährigen Geschichte Kaldauens. Im Morgengrauen, gegen fünf Uhr, starben infolge eines Beschusses durch eine oder mehrere Granaten der amerikanischen Streitkräfte 19 Menschen auf der Hauptstraße in der Nähe der heutigen Paul-Moog-Straße. Es waren Zwangsarbeiter, deren Namen und Nationalitäten weitgehend unbekannt geblieben sind. Nur zwei können heute namentlich benannt werden: Amadeo Lonzi aus Castiglone Messer Marino, 20 Jahre alt, und Antonio Fassina aus Mantua, wohl im selben Alter wie Amadeo, beide Italiener. Zu den vielen Verbrechen, die von den Nationalsozialisten in der Zeit von 1933 bis 1945 begangen wurden, zählte auch ihr Umgang mit Menschen - vorwiegend Männer, aber auch Frauen und Mädchen -, die sie in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten gefangen nahmen, sie nach Deutschland brachten und dort vorwiegend der Rüstungsindustrie, aber auch allen anderen Betrieben als Arbeitskräfte übergaben. Mit Kriegsgefangenen allein konnte der durch die Einberufungen zur deutschen Wehrmacht verursachte Mangel an deutschen Arbeitern nicht aufgefangen und der rasant steigende Arbeitskräftebedarf der deutschen Kriegswirtschaft nicht gedeckt werden. Zwischen 1939 und 1945 kamen so mehr als 12 Millionen Frauen und Männer aus allen Teilen Europas in das Deutsche Reich - die meisten von ihnen aus Polen, Weißrussland und der Ukraine. Sie lebten meist in schlechten Baracken und Lagern bei vielfach ungenügender Ernährung. Sie sollten, so das teuflische Konzept der braunen Machthaber, als Material miss- und verbraucht werden. Den Deutschen war es bei Strafe verboten, die Zwangsarbeiter als Menschen zu achten, mit ihnen in Gemeinschaft zu leben. Allein in Siegburg gab es zwischen 1939 und 1945 3.048 Zwangsarbeiter, davon arbeiteten 2.864 bei der Phrix. Kommen wir zurück auf das Schicksal der beiden Italiener Amadeo Lonzi und Antonio Fassina. Sie wurden 1943 von deutschen Truppen in Italien interniert und kamen noch im selben Jahr mit vielen anderen Landsleuten als Zwangsarbeiter zu den Kölner Fordwerken. Nach der Bombardierung dieses kriegswichtigen Betriebes im Februar 1945 wurde die Produktion dort eingestellt und die Fremdarbeiter nicht mehr benötigt. Eine 40 Personen zählende Gruppe wurde in Marsch gesetzt in der Absicht, Panzersperren in Neunkirchen und Much zu errichten, so die Recherchen von Ulrich Tondar, Mitglied des Geschichts- und Altertumsvereins. Ständig den Gefahren durch die Tiefflieger der amerikanischen Truppen ausgesetzt und gequält von Hunger, Durst und ständigen Schikanen durch die deutschen Antreiber, kamen sie am 23. März 1945, also auf den Tag genau heute vor 75 Jahren, durch Kaldauen. Ihre deutschen Begleiter wollten die Morgendämmerung nutzen, um unbemerkt von den US-Soldaten, die seit dem Vortag schon auf der anderen Siegseite lagen und das Dorf gelegentlich unter Beschuss nahmen, ins Wahnbachtal zu kommen. Ihre Bewegungen wurden jedoch wahrgenommen und wahrscheinlich von den Amerikanern als Truppenbewegung der Deutschen eingeschätzt. Die GIs eröffneten das Feuer auf die wehrlosen Menschen - mit einem fürchterlichen Ergebnis. 18 Frauen und Männer waren sofort tot, ein Schwerverletzter starb in der nahe gelegenen Schule, in die ein Teil der 23 Überlebenden getragen wurden. Den Helfern aus der Nachbarschaft bot sich ein Bild des Grauens. Es fällt einem schwer, die Situation zu beschreiben, was Granaten mit menschlichen Körpern anrichten, wenn sie mitten auf eine Gruppe treffen. Nachbarn und deutsche Soldaten bargen die Verletzten. Das Haus der Familie Heck, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft das Massaker sich ereignete, diente ebenfalls als Lazarett. Wegen der ständigen Bedrohung durch die Amerikaner und deren präzise wirkenden Waffen mussten die Verletzten teils durch die Kellerlöcher ins Haus transportiert werden. Die Menschen schrien vor Schmerzen. Der Geruch von Blut breitete sich im ganzen Haus aus. Es war eine extrem chaotische Situation, die hilfsbereiten Menschen waren überfordert. Sie hatten keine fachlichen Kenntnisse, wie schwer verletzten Menschen wirksam geholfen werden kann, keine Medizin, kein Verbandsmaterial, die Nerven lagen blank, und mittendrin die Kinder, die dieses fürchterliche Leid mit ansehen mussten. Eine außergewöhnliche Herausforderung auch für Käthe Heck, die in Abwesenheit ihres an der Front befindlichen Ehemannes in diesen Tagen als Hauseigentümerin die allgemeine Verantwortung für Haus, Hof und Familie trug. Nachbarn brachten Stroh, um Lagerstätten in der Schule und im Haus Heck herzurichten. Ein deutscher Militärarzt, unterstützt durch die Kaldauer Krankenschwester Katharina Schmidt, versorgte die Verletzten. Frauen aus der Nachbarschaft brachten ihnen etwas zu Essen. Nach zwei oder drei Tagen wurden sie mit Pferdewagen in das Mucher Krankenhaus transportiert, wo sie weiter behandelt wurden. Über das weitere Schicksal der überlebenden Zwangsarbeiter berichtet siegburgaktuell in seiner morgigen Ausgabe. Foto: Katharina Schmidt, in der damaligen Unterdorfstraße, heute Kapellenstraße, ansässige Krankenpflegerin, war eine der zahlreichen Helferinnen und Helfer, die am 23. März 1945 und in den Tagen danach sich um die schwerverletzten Zwangsarbeiter kümmerte.


23.03.2020 - Kaldauen-75-jahre