vom 14.01.2022

Erst Überlebender, dann Lotse

Nazihaft in Siegburg brach Cor Griffioen das Herz

Siegburg. Es sind im Schnitt fünf Anfragen im Jahr an das Siegburger Stadtarchiv, sie kommen aus ganz Europa, vorzugsweise aus den Niederlanden, Belgien, Luxemburg oder Frankreich. Die Suchenden wollen wissen: "Wie ging es meinem Vater, Groß- oder Urgroßvater als Häftling im Siegburger Gefängnis?"

In den Kriegsjahren saßen zeitweise bis zu 3.000 Männer an der Luisenstraße hinter Gittern, die das Naziregime aus politischen Gründen abgeurteilt hatte. Priester, Sozialisten und patriotische Widerstandskämpfer, Schmuggler, Schwarzschlachter, Feindsenderhörer. Viele von ihnen mussten in der Rheinischen Zellwolle schuften, standen ungeschützt im Schwefeldampf, trugen dauerhafte Schäden davon. Wenn sie die Befreiung durch die Amerikaner im April 1945 überhaupt erlebten. 

Vor Weihnachten 2021 erreicht das Archiv eine dieser E-Mails. Der Absender, Jan de Heus, sitzt in den Niederlanden und wünscht Auskunft über Cornelis Griffioen. Cor, wie ihn die Familie nannte, war sein Großonkel, der Bruder seiner Großmutter. Das Stadtarchiv, so ergab die Recherche, besitzt zwar keine Zeugnisse des Inhaftierten, kann aber vermitteln. Aus dem Landesarchiv Duisburg erhält de Heus wenig später den Scan der Gefangenenkarte.

Wer war Cor Griffioen? Er wird am 2. Oktober 1908 in Uithoorn geboren, anderthalb Monate vor Theodora Maria Daalhuizen, die aus derselben Stadt stammt und die er 1934 in Amsterdam ehelicht. Ein Jahr nach der Hochzeit kommt Töchterchen Wilhelmina zur Welt. Das Paar lebt im Amsterdamer Stadtteil Da Costabuurt. 

Die genauen Umstände, die am 18. September 1941 zu sechs Jahren Zuchthaus wegen Hochverrats vor dem Deutschen Obergericht von Den Haag führen, sind dem Nachfahren unbekannt. Er weiß aus Erzählungen, dass nach dem Krieg ein kommunistisches Blatt im Hause Griffioen auslag. De Heus erklärt den Hintergrund: "Die Zeitung 'De Waarheid' wurde unter klandestinen Bedingungen zu Beginn der deutschen Besatzung als publizistisches Organ des Widerstands ins Leben gerufen." Dies kann, muss aber kein Hinweis auf seine Verurteilung sein. 

Zum Zeitpunkt des Spruchs der NS-Richter ist Cor Griffioen bereits 204 Tage in Untersuchungshaft. Man liefert ihn in die Anstalt Rheinbach ein, am 26. Oktober 1943 wird er dem Siegburger Zuchthaus überstellt. Seiner Tochter, die siebenjährig an Diphterie erkrankt, kann er nicht beistehen. Sie stirbt.

Griffioen überlebt die Zwangsarbeit, auch die Fleckfieberepidemie, die im Gefängnis grassiert. Im Mai 1945, nach mehr als vier Jahren in deutscher Gefangenschaft, wird er entlassen. De Heus weiter: "Nach dem Krieg arbeitete mein Großonkel als Lotse im Amsterdamer Hafen. Meine Mutter besuchte ihn als Kind oft nach der Schule auf seinem Boot. Er war ihr Lieblingsonkel."

Cor stirbt 1964 bei einem Angelausflug im Alter von nur 55 Jahren. Er sinkt in die Arme seines besten Freundes und Schwagers Jan de Heus senior - der Großvater des 2021 im Siegburger Archiv Anfragenden. Letzterem gehört das Schlusswort: "Man erzählte sich, Cor Griffioens Herz sei gebrochen, wegen der Erinnerungen an die Kriegszeit. Gleichzeitig wird er als lebenslustig, sozial und sehr kinderlieb beschrieben."

Kleines Foto: Unbeschwerte Tage - Cornelius "Cor" Griffioen im September 1926, kurz vor seinem 18. Geburtstag. Großes Foto: Hofgang im Gefängnis um 1920. 

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