vom 27.10.2020

Die spannende Geschichte vom Putz

Rekonstruktion der Bauhausfassade am VHS-Gebäude

Siegburg. "Ich habe nun einen Pressetermin zum Thema Putz", verabschiedete sich Kiriakos Lemonakis von seinen Kollegen der KKW Architekten (Kollektiv Kaldeweg und Wortmann) in Lüdenscheid. "Einen Pressetermin zum Putz?", fragten diese ungläubig zurück. "Ja, das wird spannend!"

Es geht um die Außenhaut des in den frühen 1930er Jahren im Bauhausstil errichteten Annex' des ehemaligen Staatlichen Gymnasiums an der Humperdinckstraße, das heute die Volkshochschule, die Musikschule und die Studiobühne beheimatet. Im Zuge der energetischen Sanierung entwickelte sich die Idee, die Fassade des denkmalgeschützten Gebäudeteils unter historischen Gesichtspunkten zu rekonstruieren. Die Maßnahme wird zu 80 Prozent durch das Land NRW gefördert.

"Ich habe noch nie eine so spannende Außenfassade gemacht", verrät Lemonakis gleich zu Beginn. Und schon steigt er ein in die mehrschalige Hülle des Gebäudes. Ganz innen liegen schwere Bimssteine, "gut für die Stabilität", gefolgt von einer acht Zentimeter dicken Schicht aus leichtem Bims. "Der hat eine hervorragende Wärmeisolation", erläutert der Fachmann. Auf das Vulkangestein wurden schließlich zwei Lagen Putz aufgetragen, "nass auf nass, so gut wie diese miteinander verbunden sind". Die Besonderheit: Im Bauhaus werden Fassaden nicht gestrichen, die Farbe kommt aus den verwendeten Materialien. Und da ließen sich die Errichter vor 90 Jahren etwas ganz Besonderes einfallen: In den grauen Außenputz wurde schwarzer Quarz, weißer Marmor und zerhauener gelber Klinker des Haupthauses eingearbeitet, wodurch sich der Neu- optisch an den Altbau angliederte. Diese Reminiszenz wurde vor mehreren Jahrzehnten in einer Sanierungsmaßnahme zerstört, als man ein armiertes Kunststoffgewebe mit weißem Anstrich auf die Fassade auftrug. Die Herausforderung der aktuellen Maßnahme: Die fast ein Jahrhundert alte Farbmischung wiederherstellen, denn überzählige Klinker des Haupthauses sind nicht mehr vorhanden. "Dafür haben wir uns eine Spezialfirma ins Boot geholt", verrät Lemonakis.

Im Gebäude selbst wird ebenfalls fleißig gearbeitet. Unter anderem sind zusätzliche Toilettenanlagen sowie ein Aufzug, an der Nahtstelle von Alt- und Neubau, in der Entstehung. Auch der Fahrstuhl hält eine Besonderheit bereit: Da sich die Etagenhöhe der beiden Gebäudeteile teilweise unterscheiden, werden auf vier Etagen sechs Stopps notwendig, um alle Flure barrierefrei erreichen zu können. Foto: Kiriakos Lemonakis zeigt den mehrschichtigen Aufbau der Außenhülle des Bauhaus-Annex' des ehemaligen Gymnasiums. Gut zu erkennen: Der leichte, isolierende Bimsstein, der fest miteinander verbundene Innen- und Außenputz sowie die ein knappes halbes Jahrhundert alte Kunststoffschicht.

Kiriakos Lemonakis