vom 24.06.2020

... oder die Preußen kämen

Neuer Blick aufs 19. Jahrhundert im Museum

Siegburg. Am Anfang ein berühmtes Zitat der Weltgeschichte: "Ich wünschte, es wäre Nacht, oder die Preußen kämen". So soll, hoffend auf Unterstützung der verbündeten Kontinentalmacht, der britische Befehlshaber Wellington 1815 ausgesprochen haben. Die Preußen kamen. Napoleon, der gemeinsame Feind, verlor, erlebte sein Waterloo. 

Das Siegburger Stadtmuseum bleibt auch in Zukunft nachts geschlossen. Die Preußen kommen trotzdem. "Siegburg wird preußisch" heißt die Abteilung im ersten Obergeschoss, deren Gestaltung in zwei Schritten überarbeitet wurde.

Eine Rückschau: Im letzten Jahr konnte die erste Vitrine zum 19. Jahrhundert fertiggestellt werden. Sie widmet sich einerseits der Franzosenzeit, als Siegburg in Folge der Revolution von 1789 große Umwälzungen erfuhr und zum französisch dominierten Großherzogtums Berg gehörte. Anderseits behandelt dieser Schaukasten die folgende Ära bis 1870, nachdem unsere Stadt im Wiener Kongress 1815 dem Königreich Preußen zugeschlagen worden war.

Gestern nun wurde die neu gestaltete zweite Vitrine zur Preußenzeit vorgestellt, die die Spanne von der Reichsgründung 1870/71 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs abdeckt. Anhand von Siegburger Exponaten wird Allgemeingeschichte nachvollziehbar. 

Industrialisierung und Urbanisierung: Durch die beiden staatlichen Rüstungsbetriebe Geschossfabrik und Feuerwerkslaboratorium wird Siegburg zur Industriestadt, die Bevölkerung wächst von ca. 6.000 in 1871 auf über 17.000 im Jahr 1905. Siegburg, so Bürgermeister Franz Huhn bei der Vorstellung, entwickelte sich zu dem, was es bis heute ist, ein Mittelzentrum mit zentralen Behörden und Dienstleistern, ein Verkehrsknoten mit mehreren Eisenbahnlinien und Straßenbahnanbindung an Bonn. Die prächtigen Häuser in Bahnhof- oder Kaiserstraße zeugen vom Bauboom der Epoche.

Leistungsverwaltung: Die Verwaltung erfasst ein Bewusstseinswandel: Sie sieht sich als Obrigkeit, die dem Wohlstand und Renommee der Stadt und der Fürsorge für ihre Bürger verpflichtet ist.  Wasser- und Gaswerk, Anschluss an die Elektrizitätsversorgung, Kanalisation und der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs sind hier die Stichworte.

Vereine: Eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben spielen die Vereine. Sie gründen sich in großer Zahl als selbstorganisierte und selbstverantwortliche soziale Gruppierungen in allen Lebensbereichen. Als Beispiele werden in der Vitrine die Chorgemeinschaft Germania und die Kriegervereine angeführt. Beide stehen zugleich sinnbildlich für die dominierende vaterländische Gesinnung.

Leitbilder: Adel und Militär verlieren einerseits gegenüber dem Bürgertum an Bedeutung, gleichzeitig eifert das Bürgertum diesen etabliert elitären Kreisen in seinem Habitus nach.  Die unbedingte Kaisertreue wird im Bild des Siegburgbesuchs von Wilhelm II. deutlich, das als Vitrinen-Hintergrund dient. Viele Straßen in Siegburg werden nach den Hohenzollern benannt. 

Erster Weltkrieg: Mit dem Ersten Weltkrieg endet eine lange Periode des äußeren Friedens. Millionen Tote an den Fronten, Not und Elend der hungernden Bevölkerung führen zum Zusammenbruch des alten Systems in der Novemberrevolution 1918. Die Monarchie wird abgeschafft, Deutschland wird Republik mit demokratischer Verfassung. 

Das Konzept für die museale Neuordnung des 19. Jahrhunderts stammt vom stellvertretenden Museumsleiter Herbert Spicker. Die Gestaltung übernahm Caspar Armster, die Realisation die Schiffer&Faber GmbH. Dank einer großzügigen Spende der Unternehmer Anton und Marianne Hakvoort konnte der Verein der Freunde des Stadtmuseums finanziell unterstützen.

Mehrere Personen mit Mund-Nase-Bedeckung stehen vor einer Vitrine mit Ausstellungsgegenständen, ein Mann steht davor und erklärt