10.01.2018

Front-Tagebuch der Leonie Wallenstein

Dramatische Aufzeichnungen schildern das Kriegsende an der Sieg

Siegburg. Palmsonntag, 25. März 1945, die Siegtalstraße in Greuelsiefen. Von Ferne ein Rasseln, Metall auf dem Pflaster, anschwellende Motorengeräusche. Ein amerikanischer Panzer! Die Befreiung ist da. Oder nicht? Der Weltenbrand fordert letzte Opfer.

Aus dem Haus von Josef Faßbender wird der Panzer angegriffen. Schüsse, Flammen. Ein GI verbrennt im Kettenfahrzeug, vier Männer springen heraus, drei von ihnen sind schwer verwundet, einer hat das linke Bein verloren. Von allen Seiten fliegen jetzt die Geschosse, ohrenbetäubender Lärm, Jagdflugzeuge in der Luft. Die Verletzten schleppen sich in einen Keller, erhalten Morphium und Cognac, die Deutschen in Wehrmachtsuniform verschwinden blitzartig. "Die Zeit bis der Ami Einzug hält, wurde uns zur Ewigkeit. Wir hatten Angst, der Amputierte hielte nicht durch. Nachmittags um 5 Uhr, geschützt durch Nebelgranaten, erreicht der Ami unser Dorf und stürzte in die Häuser. Es ist ja traurig einzusehen - wir waren wie erlöst. Gleich war ein Sanitäter zur Stelle, der aber wenig von seinem Fach verstand. Dem Amputierten ging es zusehends schlechter. Ich werde seinen Händedruck nicht vergessen. Erst in der Dämmerung wurden die Verwundeten abtransportiert." Wer hier spricht bzw. schreibt ist Leonie Wallenstein, Jahrgang 1902, geboren in Köln und später wohnhaft in Greuelsiefen. Ihre Aufzeichnungen über die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs sind im neuen Buch von Helmut Fischer mit dem Titel "Heimatkunde. Untersuchungen im lokalen und regionalen Raum" abgedruckt, das der Geschichts- und Altertumsverein für Siegburg und den Rhein-Sieg-Kreis jüngst herausgab. Die Krankenschwester Wallenstein ist hautnah dran am dramatischen Geschehen. Erst versorgt sie die Versehrten auf der zum Lazarett umgestalteten Abtei Michaelsberg. Mit der Auflösung des Kriegskrankenhauses am 18. März 1945 kehrt sie per Fahrrad nach Greuelsiefen zurück und dokumentiert das Chaos des sich auflösenden Reichs. Soldaten kommen und gehen. Zusammengekauert mit ihnen und den Zivilisten, mit Kindern und einem Wellensittich verbringt sie lange Bombennächte im Bunker, versorgt in den wenigen noch bewohnten Häusern die Kranken und Verwundeten. Sie berichtet über Musik vom Akkordeon, die im Erdloch ertönt - ein Tanz am Abgrund. Über Offiziere, die ihre Nerven angesichts der drohenden Totalniederlage mit Hochprozentigem betäuben. Über einen Streifzug durch Eitorf, das nach einem Fliegerangriff mit Hunderten Toten einer Geisterstadt gleicht. Wallensteins Tagebuch ist eine Quelle von unschätzbarem Wert. Authentisch, reflektiert, mitfühlend. Nach dem Krieg arbeitet sie in einem Landschulheim und im Hildegardis-Haus in Aachen. 1954 übernimmt sie die Leitung einer Müttererholungseinrichtung in Hollerath, Eifel. Sie stirbt am 31. August 1962. Der Siegburger Ralf Forsbach erinnert sich: "Tante Loni war eine Nenntante meiner Mutter. Sie wohnte zur Miete im Hause meiner Großeltern mütterlicherseits, Heinrich und Gertrud Böckem, in Hennef-Greuelsiefen, Siegtalstraße 2." Foto: Zerstörte Abtei nach Kriegsende. Hier befand sich das Lazarett Michaelsberg, in dem Wallenstein bis zum 18. März 1945 arbeitete.


05.01.2018 - Abtei-45

zerstörte Abtei 1945